Predigt über Lukas 18 am 11. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Lukas 18 am 11. Sonntag nach Trinitatis


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Publish date Veröffentlicht von Margrit Wegner am Sonntag, 23. August 2020, 00:00 Uhr
Predigt über Lukas 18 am 11. Sonntag nach Trinitatis

In dieser Woche haben sie sich zum ersten Mal richtig getroffen: Die lustige Lilli, die chaotische Clara, die positive Pauline und die glückliche Greta, die nette Nike, die liebe Lene, der ordnungsliebende Oscar und die abenteuerlustige Annika. Natürlich mit Abstand und draußen, an den warmen Tagen war das kein Problem. Dienstag und Donnerstag sind 61 neue Konfirmandinnen und Konfirmanden in vier Gruppen gestartet. Mit meinen beiden Gruppen habe ich mein Lieblings-Kennenlernspiel gespielt. Dazu müssen sich alle ein Adjektiv überlegen, dass mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens beginnt. Gar nicht so leicht, wenn man Janus heißt oder Ella. Überlegen Sie mal, was zu Ihnen passen würde. Welches Wort würden Sie wählen, um sich selbst zu beschreiben? Sind sie eher der mutige Markus oder der höf-liche Heiko? Bist du eine fröhliche Frieda? Siehst du dich eher als traurige oder träumende oder tanzende Tina? Wenn alle ein Adjektiv gefunden haben, geht es etwa wie das Kinderspiel „Ich packe meinen Koffer“. Ein Konfi nennt seinen Namen, die nächste muss den wiederholen und den eigenen Namen hinzufügen. Es werden immer mehr Namen, die letzte muss schließlich alle aufzählen: Der faire Frederik, der neugierige Noah, der jubelnde Jonas, die essenzielle Ella, die angenehme Anka, die kunterbunte Klara, die mächtige Mimi, der jauchzende Jasper, der mysteriöse Magnus, der ehrliche Erik.

Es ist nur ein Spiel, und die Jugendlichen haben wenig Zeit für die Wahl ihrer Worte. Aber gerade das macht den Reiz aus. Denn manche wählen bewusst oder unbewusst Adjektive, die sie treffend beschreiben. Deshalb können wir uns spielerisch-fröhlich in wenigen Minuten die Namen einprägen. Noch Jahre später weiß ich die. Unvergessen der perfekte Pavel, der inzwischen als Teamer jüngere Jahrgänge begleitet. Bevor die Pastorin eine Ansage macht, hat er die Idee in seiner Kleingruppe längst umgesetzt. Großartig seine Umsicht und sein Mit-denken für die Gemeinschaft. Unvergessen aber auch der schlechte Stefan. Jener Junge, der trotz aller Vorschläge aus der Gruppe nichts anderes über sich zu sagen wusste als: „Ich bin in allem schlecht. Ich kann nichts.“ Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Wenn sie hier säßen, die beiden, von denen Jesus da spricht, wie sähen sie aus? Hier im Dom, im Konfirmandenunterricht oder Gottesdienst? Die gerechte Gisela, der fromme Ferdinand, der sündigende Simon, wer wären sie? Welches Bild würden wir uns machen von ihnen? Der Pharisäer aus gutem Hause, wie man so sagt. Bildungsbürgertum. Mindestens Mittelschicht. Ziemlich schlau, kluger Kerl. Hoch aufgerichtet. Religiös. Bestimmt sozial engagiert. Der hat Haltung und Rückgrat, Selbstbewusstsein fehlt nicht. Er kennt die Regeln und Pflichten, spielt das Spiel perfekt, kennt seine Rolle in der Gesellschaft. Wie würde der sich beschreiben? Welches Adjektiv würde er wählen? Fällt ihm offenbar schwer. Kann nur sagen, was er nicht ist. Nicht betrügerisch, nicht verführerisch, nicht ungerecht. Definiert sich über seine Leistung. Ist der mit sich selbst im Kontakt? Weiß er selbst, wer er ist? Was er will? Der Zöllner ein Mitläufer. Duckt sich weg. Kann den Blick gar nicht heben. In sich verkrümmt. Null Selbstbewusstsein, könnte man meinen. Lebt von dem bisschen Fassade, die sein Job ihm bietet. Auf den eigenen Vorteil bedacht. Kein besonders sympathischer Typ. Hier der fromme Pharisäer, da der zerknirschte Zöllner. Überheblich der überkorrekte Studierte, sich selbst demütigend der dienstbare Handlanger der Besatzungsmacht. Der eine macht viele große Worte um seine Person vor Gott, dem anderen fällt nur ein Wörtchen für sich selbst ein. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Die Moral von der Geschicht‘? Sei bloß kein Pharisäer nicht, oder? Die Pharisäer sind sprichwörtliche arrogante, überhebliche Heuchler, deren Rolle unwiderruflich feststeht. Von denen ist nichts zu erwarten, einer wie der andere missgünstig und ignorant. Sie checken nicht, wer Jesus ist. Was soll von denen Gutes kommen? So das gängige Vorurteil. Die Zöllner dagegen, die Sünder, die hat Jesus per se ins Herz geschlossen, meinen wir. Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (Wochenspruch 1. Petr. 5, 5b). Also ist klar, auf welcher Seite wir uns wiederfinden sollen. Oder ist die Moral – wenn wir es so nennen wollen – nicht eine doppelte? Keine Doppelmoral, sondern die Tatsache, dass wir zweimal vorkommen und Anteile von beiden in uns tragen. Ich zumindest kenne beide Gefühle gut: Manchmal fühle ich mich, als würde gar nichts gelingen Es gibt Momente, in denen ich denke: Ich mach alles falsch. Himmel hilf! Ich fühl mich so klein. Und manchmal weiß ich vor lauter Anforderungen, Aufgaben und Ansprüchen von allen Seiten in diesem wunderbaren Beruf kaum mehr, wer ich bin. Da kann ich auch höchstens aufzählen, was ich nicht bin. Oder definiere mich nur über Arbeit und Geleistetes und vergesse, was wirklich zählt. Mit dieser inneren Leere komm ich mir selbst fast abhanden. Übermütiger Hochmut und mutlose Demut, alles leisten wollen und nichts gebacken kriegen, Stolz und Vorurteil – mal bin ich so und mal so. Gerechte und Sünderin zugleich, mal eher wie der Pharisäer und mal mehr wie der Zöllner. Was sehen die Leute in mir und in dir? Wer schaut wirklich hinter die Fassade und sieht, wie es innen aussieht? Wer bin ich bei Gott? Wie muss ich mich bei Gott vorstellen? Muss ich bei Gott irgendwas darstellen? Fragen, die die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich stellen.

Die allwissende Anna, die naturliebende Naomi, die johlende Johanna und die chaotische Cosima: Zum Glück sind die Aussagen der Jugendlichen über sich selbst nur Momentaufnahmen. Zum Glück ist es nur ein Spiel. Manchmal werden im Laufe der Zeit leise und zurückhaltende Jugendlichen selbstbewusster. Seltener nehmen sich Tonangebende und Einflussreiche zurück, auch das kommt vor. Vor zwei Jahren hat ein Mädchen beim ersten Treffen ganz leise von sich gesagt: „Ich bin schrecklich schüchtern!“ Von Woche zu Woche wurde sie mutiger, und am Ende machte es ihr gar nichts aus, hier im Dom vor 200 Menschen im Gottesdienst zu lesen oder zu beten. Der Stefan, der sich selbst schlecht fand, entdeckte schon nach kurzer Zeit in der Gruppe, wie viele Talente er besaß, und wie die Gruppe von ihnen dann profitierte. Das sind echte Glücksmomente. Zum Glück erleben wir in den Gruppen, dass der erste Eindruck voneinander, dass ein Wort uns nicht auf immer festlegt. Der perfekte Pavel kann rotzfrech sein und in seinem Übermut nerven. Wie gut! Niemand ist ja nur so oder ganz anders, nur fair oder nur angenehm oder nur schlecht. Je besser wir uns kennenlernen, desto mehr lassen wir einander auch hinter die Fassade schauen. Das macht Gemeinde und Gemeinschaft aus. Damals bei Jesus und heute bei uns. Ich darf mich den anderen zumuten, so wie ich bin. Muss mich nicht großer machen oder cooler oder wichtiger, als ich bin. Ich darf mich Gott zumuten, auch wenn mir nach Heulen zumute ist oder nach Weglaufen. Darf auf Ermutigung hoffen, wo ich mich wegducken will. „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite. Herr, erbarme dich…“ Meine ganze Ohnmacht. Mein verlorenes Zutrauen zu mir selbst und ins Leben. Gott verwandelt es. Verwandelt mich und verwandelt dich. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lk. 19,10) Da wird das Leben manchmal leicht wie ein Kinderspiel. Und am Ende gehören wir alle zu den Glücklichen und den Seligen. Egal, welche Adjektive wir sonst für uns wählen. Mit Gott haben wir am Ende alle gewonnen. Amen     

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